Carl Adolph von Schachmann steigt die bewaldeten Hänge zu den rätselhaften Felsen seiner Heimat hinauf. Was er dort erforscht und 1780 in seinem Werk „Beobachtungen über das Gebirge bey Königshain in der Oberlausitz“ dokumentiert, wird zu einem wichtigen Beitrag der frühen deutschen Wissenschaft. Mit wissenschaftlicher Neugier und künstlerischem Gespür macht Schachmann aus den Königshainer Bergen ein Forschungslabor unter freiem Himmel. Mit dem Zitat aus Lukans Beschreibung der Ruinen Trojas eröffnet Schachmann sein Werk. Wie der römische Feldherr Cäsar sieht auch er in jedem Felsen, jedem Fundstück eine Geschichte – eine Bedeutung, die es zu entschlüsseln gilt. Seine Forschungen sind ihrer Zeit weit voraus: Er dokumentiert nicht nur, er interpretiert kritisch, warnt vor Denkmalzerstörung und entwickelt dabei auch kühne Theorien.
nullum est sine nomine saxum
Kein Stein ist ohne großen Namen
— Marcus Annaeus Lucanus
Der geheimnisvolle Totenstein
Stellen Sie sich vor: Auf einer windumtosten Felsplattform hoch über Königshain stapeln sich hunderte von Keramikscherben und geheimnisvollen Bronzeobjekten. Der Totenstein gibt der Wissenschaft Rätsel auf, die bis heute nicht vollständig gelöst sind.
Schatzgräber contra Wissenschaft
Schachmann ist entsetzt über das, was er vorfindet: „Tausende besuchten den Felsen und durchwühlten die Erde der Plateaufläche, um Urnen und vielleicht auch Schätze zu entdecken.“ Was heute als Raubgrabung gilt, war damals Volkssport. Mit bemerkenswerter Weitsicht warnt der Aufklärer bereits vor dem unwiederbringlichen Verlust archäologischer Erkenntnisse.
Schachmann geht systematisch vor. Als er einen alten Eichenstrauch ausroden lässt, macht er eine spektakuläre Entdeckung: drei vollständige Gefäße, die von den Wurzeln zerdrückt, aber noch rekonstruierbar sind.
Schachmann Illustration „Der Totenstein“ zu seinem Werk „Beobachtungen über das Gebirge bey Königshain in der Oberlausitz“
Eine Alternative Deutung: Fest statt Friedhof
Während andere Gelehrte den Totenstein für einen Friedhof halten, entwickelt Schachmann eine andere Theorie. Die vielen verschiedenen Gefäße – von winzigen Schalen bis zu riesigen Krügen – erinnern ihn an etwas ganz anderes: ein jahreszeitliches Fest. „Alle Jahre am Sonntag Laetare, der bei den gemeinen Leuten der Totensonntag genannt wird, zog alt und jung mit Fackeln aus Stroh geflochten aus dem Dorf nach dem Totenstein.“ Diese bis ins 18. Jahrhundert fortgesetzte Tradition sieht Schachmann als Echo uralter Riten. Seine kühne Interpretation: Der Totenstein war kein Friedhof, sondern ein Kultplatz für gemeinschaftliche Feiern.
Erforschen Sie den rätselhaften Kultplatz als XR-Modell im Maßstab 1:1 und entwickeln Sie ihre eigene Theorie.
Eine Bronzefigur fasziniert Schachmann besonders: „Diese Figur wurde vor zwanzig Jahren von einem Bauern unter einem Stein am Fuß des Totensteins gefunden und befindet sich jetzt unter den kurfürstlichen Altertümern zu Dresden.“ Mit analytischem Blick beschreibt er jedes Detail: die durchbohrte Hand, die wohl einen Speer hielt, die „ungestalteten Hände und Arme“, den tadellosen Guss. Doch die Figur stellt ihn vor Widersprüche: Der Bronzeguss ist meisterhaft, die Körperhaltung zeigt Können – aber warum dann diese groben Hände? Römische Rüstungsteile vermischen sich mit unbekannten Details, etruskische Einflüsse mit fremden Elementen. Beim Vergleich mit ähnlichen Figuren aus Görlitz und Ullersdorf wird das Rätsel noch größer: „Was sie aber darstellen? Ob sie zu den Hausgötzen, Amuletten oder Puppen gehören? Und wie sie hierher gekommen sind?“Seine ehrliche wissenschaftliche Haltung zeigt sich in seinem Fazit: „Das getraue ich mir nicht zu entscheiden.“
Schachmann Illustration „kleine Figur von Erz“ zu seinem Werk „Beobachtungen über das Gebirge bey Königshain in der Oberlausitz“
Der Kuckucksstein – Steinerner Kalender?
Nur wenige hundert Meter vom Totenstein entfernt erhebt sich ein weiteres Naturwunder, das Schachmann fasziniert: der Kuckucksstein. Er beschreibt ihn als „kleinen freistehenden Granitfelsen im Wald hinter dem Hohstein, der wegen seiner regelmäßigen Gestalt bemerkenswert ist„.
Mehr als nur ein Fels
War dieser perfekt geformte Monolith nur ein Werk der Natur? Schachmanns Beobachtungen deuten auf mehr hin: Die präzise Ausrichtung, die weiten Sichtlinien in die Landschaft – könnte der Kuckucksstein als steinerner Kalender gedient haben?
Die moderne Forschung gibt Schachmann recht: Solche Felsformationen dienten tatsächlich oft als astronomische Beobachtungspunkte. Das „Auge“ im Felsen zeigt eine exakte Südost-Ausrichtung, und zur Wintersonnenwende am 21. Dezember fällt ein Sonnenstrahl millimetergenau durch diese Öffnung. Die Schatten des Kuckuckssteins warfen zu verschiedenen Jahreszeiten präzise Linien in die Landschaft – ein natürlicher Kalender für eine Gemeinschaft ohne Schrift. Diese astronomische Präzision ist kein Zufall der Natur, sondern deutet auf bewusste Nutzung durch prähistorische Kulturen hin.
Im digitalen Modell können Sie heute nachvollziehen, was Schachmann nur erahnen konnte: Wie sich die Schatten des Steins im Jahresverlauf bewegen, welche Sichtlinien zu anderen bedeutsamen Punkten in der Landschaft führen. Moderne Technologie macht die Vergangenheit lebendig.
Schachmann Illustration „Der Kuckucksstein“ zu seinem Werk „Beobachtungen über das Gebirge bey Königshain in der Oberlausitz“
Schachmann ist nicht nur Archäologe, sondern auch Geologe. Die bizarren Felsformationen der Königshainer Berge stellen ihn vor fundamentale Fragen: Wie entstanden diese wie „Türme und Mauern freistehenden Steinmassen“?
Wassererosion oder Kristallisation?
Schachmann diskutiert die großen geologischen Theorien seiner Zeit: Entstanden die Felsen durch Wasserablagerungen oder durch Kristallisation? Seine akribischen Beobachtungen der Gesteinsschichten, der Mineralzusammensetzung von Quarz, Feldspat und Glimmer machen ihn zu einem Pionier der deutschen Geologie.
Mit wissenschaftlicher Ehrlichkeit gesteht er: „Ein einzelner Fall macht eine fast unmerkliche Ausnahme gegen das Ganze. Dennoch können sich mehrere finden.“ Diese Bescheidenheit macht seine Forschungsarbeit so wertvoll – er beobachtet genau und spekuliert zugleich auch vorsichtig.